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Nach der Krise den Neuanfang wagen

Nie zuvor gab es so viele wechselwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie nach zwei Jahren Corona-Pandemie. Wir erklären, woran das liegt – und was Unternehmen dagegen tun können.

Man kann sich seinen Arbeitgeber auch schönreden. Weil: Immerhin weiß man, wo man dran ist. Und die tollen Kolleginnen und Kollegen …! Leider war von denen wenig zu sehen in den Corona-Monaten, während der Zeit im Homeoffice bröckelte der super Zusammenhalt. Und alles andere … kann auch nicht so richtig begeistern.

Viele Menschen stellen derzeit die Zeichen auf Aufbruch. Keine Lust mehr darauf, so weiterzumachen wie früher. Und großzügig über alles hinwegzuschauen, was nervt. Vier von zehn Angestellten sind offen für einen neuen Arbeitgeber – oder haben sogar mit der Jobsuche begonnen. Unter den 30- bis 39-Jährigen, die für die aktuelle EY-Jobstudie befragt wurden, ist sogar fast jeder Zweite (48 Prozent) bereit, sich neu zu orientieren.

Wer mit einem neuen Job liebäugelt, wird nicht übermorgen kündigen – das stimmt. Die Zahl der ernsthaft Wechselwilligen ist laut EY-Studie deutlich geringer: Nur 15 Prozent der Befragten sehen sich in fünf Jahren in einem anderen Unternehmen. 15 Prozent – das sind ungefähr jeder achte Mitarbeiter und jede sechste Mitarbeiterin. Frauen sind nämlich deutlich wechselwilliger. Die Gründe dafür? „Patriarchalische Verhältnisse, die berüchtigte gläserne Decke, schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, zählt EY-Arbeitsdirektor Jan-Rainer Hinz auf und mahnt: „Unternehmen müssen Diversität ernst nehmen – sonst brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn weibliche Fachkräfte lieber weiterziehen.“

50 Prozent mehr Anfragen nach offenen Jobs

Es gibt Indizien, dass dem Reden bald Taten folgen werden. Die Online-Stellenbörse Stepstone verzeichnete im Januar 2022 mehr als 50 Prozent mehr Jobsuchanfragen als im Tagesdurchschnitt des vergangenen Jahres. Die Zahl derer, die sich bei der Plattform anmelden, um etwa automatisierte Jobvorschläge zu erhalten, hat sich innerhalb von zwölf Monaten verdoppelt. „Viele Menschen wollen die Krise hinter sich lassen und einen Neuanfang wagen“, sagt Stepstone-Arbeitsmarktexperte Tobias Zimmermann.

Reisende soll man nicht aufhalten, besagt ein Sprichwort. Das sieht Stepstone-Experte Zimmermann ähnlich. „Mitarbeiter, die schon auf der Suche nach etwas Neuem sind, sollte man ziehen lassen“, empfiehlt er. Das heiße jedoch nicht, dass Unternehmen diesem Aderlass tatenlos zusehen sollten. Stattdessen sollten sie spätestens jetzt „in die Mitarbeiterzufriedenheit investieren“ und frisch motivierte Kräfte anwerben.

Eine Frage der Unternehmenskultur

Das beginnt damit, nach ehrlichen Antworten auf eventuell unbequeme Fragen zu suchen: „Wie gut ist unsere Unternehmenskultur und wie glücklich sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?“ „Wo brauchen unsere Führungskräfte Unterstützung?“ „Schaffen es unsere Führungskräfte, die Teams zu inspirieren und nicht zu kontrollieren?“ „Bieten wir den richtigen Rahmen?“ „Und wie gehen wir mit steigenden Ansprüchen um, wenn auch im schönsten Büro noch das Haar in der Suppe gefunden wird?“ Diese Fragen stellt sich Petra von Strombeck, CEO von New Work. Und sie sagt selbstkritisch: Es geht nicht um die eine richtige Antwort – sondern darum, den Beschäftigten zuzuhören. Damit die sich wohlfühlen und entfalten können. Ein erster Schritt besteht darin, regelmäßig Gespräche zu führen. Und darin beispielsweise zu fragen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihrem Job ändern würden, wenn sie könnten. Oder – das sorgt für aufschlussreiche Antworten – was geschehen müsste, damit der oder die Angestellte kündigt.

Solche Fragen signalisieren ehrliches Interesse – und den Willen, es selbst besser zu machen. Plötzlich muss sich niemand mehr den Arbeitgeber schönreden – weil er tatsächlich schöner wird!

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